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Paradigmenwechsel in den Wirtschaftswissenschaften?

Seit der Entkopplung der Sozialwissenschaften und der ökonomischen Wissenschaften nach Max Weber hat die Mathematisierung und Formalisierung ökonomischer Forschung (bis auf wenige Ausnahmen) stetig zugenommen. Dieser Prozess entwickelte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Milton Friedmans Theorie des rational handelnden Wirtschaftsakteurs eine verstärkte Dynamik. Hermeneutische Analysen, die in historischen Einzelfallbetrachtungen eine Vielzahl von Kontextvariablen untersuchen, verlieren im Zuge dieses Formalisierungs- und Generalisierungstrends an wissenschaftlicher Bedeutung. Beispielhaft wird dieser Verdrängungseffekt an der stark abnehmenden Anzahl von Lehrstühlen für Wirtschafts- und Dogmengeschichte in Westdeutschland von 210 (1975) auf 50 (1999) verdeutlicht. Hinter der “Mathematisierung der Wirtschaftswissenschaften” steckt schlicht die Überzeugung, dass sich eine Sozialwissenschaft wie eine Naturwissenschaft betreiben lassen könne, ohne wichtige Faktoren des “Mensch-Seins” wie die Kontingenz der Beziehungen oder die kausale Ambiguität lebensweltlicher Abläufe zu berücksichtigen. Solche Faktoren werden durch dogmatische Annahmen, wie der des Rational-Choice-Akteurs oder der ceteris paribus Klausel systematisch ausgeblendet.

Mit Paul Krugman hat die Ökonomie seit langem wieder einen nicht-Mathematiker als “Nobelpreis-legitimierte” Leitfigur (Thomas Schelling war zwar von Haus aus Ökonom, forschte aber im Bereich der formalen Spieltheorie). Krugman hat in einer Rede vor Studenten der renommierten London School of Economics (LSE) auf den methodischen Schiefstand in den Wirtschaftswissenschaften im Kontext der Finanzkrise 2008/2009 hingewiesen; keines der seriösen Forschungsinstitute hatte den nahenden Kollaps der Finanzmärkte in dem erlebten Ausmaß prognostiziert, niemand hatte diese Art von Marktversagen modelliert – trotz ausreichend historischer Beispiele. Krugman selbst plädiert schon länger für einen Paradigmenwechsel in den Wirtschaftswissenschaften: weg vom selbstreferentiellen “Elfenbeinturm” Wissenschaft, hin zu mehr Realitätsbezug, zu mehr erfahrungsbasierter statt rein theoretischer Begründung.

Die betriebswirtschaftliche Forschung hat es durch die Modifikation und Integration von Konzepten anderer Wissenschaften (Ökonomie, Philosophie, Psychologie, Soziologie, Biologie, …) stellenweise geschafft sich der Sogwirkung naturwissenschaftlicher Paradigmen und der damit einhergehenden Methodennormierung zu entziehen. Aufgrund ihres breiten Fundaments gibt es in der BWL einen weiten wissenschaftstheoretischen Diskurs. Häufig hat dieser Dialog eher passiven Charakter, soll doch primär dem Vorwurf eklektischer Forschung begegnet werden. Die Übergewichtung positivistischer Forschung nach Kritisch-Rationaler Methode (“Wissenschaft heißt Falsifizierbarkeit”) bleibt demzufolge auch bestehen. In sozialen Kontexten ist aber fast immer die Ausnahme von der Regel, der irrational handelnde Akteur, der nicht-lineare Ursache-Wirkungs-Zusammenhang usw. auffindbar. Bei einer strengen Interpretation des positivistischen Paradigmas wären die Theorien damit falsifiziert. Diese Feinheit wird meist über statistische Signifikanzen anstelle der Verwendung anderer Forschungsmethoden bzw. Wissenschaftsphilosophien ausgeblendet. Ich maße mich hier nicht an, der gängigen Forschungsmethode die Legitimation zu entziehen, sondern möchte vielmehr dem Methoden-Dogmatismus entgegenwirken und für einen “wohltemperierten” Kanon der Forschungsansätze plädieren. Denn gerade die Untersuchung von Ausnahmesituationen mit qualitativen, hermeneutisch-historischen oder normativen Ansätzen könnte interessante neue Erkenntnisse generieren. Versuchen wir doch gerade in Erfahrung zu bringen, wie wir uns in Sonderfällen (Stichwort: Wirtschafts- und Finanzkrise) verhalten können.

Es bleibt also zu hoffen, dass die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften dem Krugman’schen Ruf folgen und endlich wieder in einen proaktiven und undogmatisch geführten Diskurs über Sinn und Zweck von wirtschaftswissenschaftlicher Forschung und den jeweils zielführenden Methoden eintreten.

Podcast von Krugmans Rede an der LSE: The Return of Depression Economics.