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Von Knoten und Kanten

Der Begriff des Netzwerk gehört zu unserer alltäglichen Sprache, weshalb nicht zuletzt in der Forschung alles und nichts als Netzwerk begriffen werden kann. Personelle Verflechtungen zwischen Aufsichtsräten (board interlocks)? Ja! Wissenschaftliche Zitationskartelle (citation networks)? Sicherlich! Zurückgelegte Wege von einem Termin zum anderen (traveling salesman problem)? Warum nicht!

In vielen Fällen macht es aber gar keinen Sinn, über Netzwerke auch nur einen Moment nachzudenken. Zuerst sollte man sich deshalb des Alltags entledigen und die Mathematik (oder genauer, die Graphentheorie) zu Rate ziehen, um überhaupt zu wissen, wovon die Rede ist. Ein Netzwerk ist als eine Menge von Elementen und deren Beziehungen untereinander definiert. Die Elemente bezeichnet man als Knoten (in der mathematischen Notation v für vertex) und die Beziehungen als Kanten (in der mathenatischen Definition e für edge). Daran gibt es nichts zu rütteln.

Im Rahmen von Fragen nach Organisation und Unternehmensführung repräsentieren die Knoten dann eben Individuen, Abteilungen oder ganze Unternehmen (Brass et al., 2004). Passend dazu gesellen sich die Kanten als Information, Kommunikation, Freundschaft, Vertrauen, Macht, Kollaboration, Kooperation oder Allianzen, wobei Brass et al. gleich (2004) darauf hinweißen, dass die Inhalte der Beziehungen nur durch die Vorstellung des Forschers begrenzt sind. Ich würde in der Tat noch einen Schritt weiter gehen und behaupten, dass die Inhalte der Knoten ebenso vielfältig sein können.

Selbstverständlich macht es Sinn, die Arbeitsbeziehungen zwischen Mitarbeitern zu betrachten, um so beispielsweise Generalisten von Spezialisten zu trennen. Ebenso sinnvoll kann man über Themenbeziehungen zwischen Kommunikationen nachdenken, um so herauszufinden, womit sich Organisationen eigentlich beschäftigen. Nach einer visuellen Erstanalyse des einen oder anderen Netzwerks dürfen dann jedoch nur solche Maße zum Einsatz kommen, die auch inhaltlich auf das jeweilige Netzwerk zutreffen. Zentralitätsmaße wie betweenness oder closeness (Freeman, 1979) wurden ursprünglich für soziale Netzwerke entwickelt und geben so auf Basis von Beziehungen wie Information und Kommunikation Auskunft über die Position von Individuen im Netzwerk. Im Hinblick auf Themennetzwerken sind diese Maße offensichtlich nur sehr begrenzt interpretierbar.

Auch wenn sich im Alltag vieles als Netzwerk auffassen lässt, so rechtfertigt dies noch keinen unreflektierten Einsatz der Netzwerktheorie und -analyse in der Forschung. Gerade die Visualisierung von Netzwerken ist heute einfacher denn je zu bewerkstelligen, aber je nach festgelegter Repräsentanz der Knoten und Kanten muss die Forschung auch weiterhin rigorose Analysen abliefern, die nicht allein nur darauf beruhen, dass sich etwas als Netzwerk auffassen lässt.

Brass, D. J., Galaskiewicz, J., Greve, H. R., and Tsai, W. (2004). Taking Stock of Networks and Organizations: A Multilevel Perspective. Academy of Management Journal, 47(6):795–817.

Freeman, L. C. (1979). Centrality in Social Networks: Conceptual Clarification. Social Networks, 1(3), 215-239.